Reproduktionsmediziner Dr. Löbbecke beantwortet die wichtigsten Fragen zur Fruchtbarkeit

Wie lange kann ich schwanger werden? Was ist eine Risikoschwangerschaft? Und wie funktioniert eigentlich künstliche Befruchtung? Der gynäkologische Endokrinologe und Reproduktionsmediziner Dr. med. Kay Löbbecke arbeitet seit 11 Jahren in der Kinderwunschklinik Hamburg FCH. Im Interview beantwortet er die wichtigsten Fragen zum Thema Fruchtbarkeit und Kinderwunsch.

Wie lange ist eine Frau fruchtbar?

Das hängt von der individuellen Eizellreserve ab. Eine Frau wird mit rund 1-2 Millionen Eizellen geboren. Diese Reserve nimmt im Laufe des Lebens ab. Anhand der Konzentration des Anti-Müller-Hormons (AMH) im Blut und mittels Ultraschall zu Beginn des Zyklus kann der Frauenarzt prüfen, ob noch ausreichend Eibläschen vorhanden sind.

Häufig ist in diesem Zusammenhang auch von einem „Fruchtbarkeitsabfall“ die Rede. Dieser beruht auf der Annahme, dass die Fruchtbarkeit ab einem Alter von 35 Jahren rapide abnimmt. Studien zeigen, dass dieser Abfall nicht so steil ist wie bisher angenommen. Mit 35 Jahren schwanger zu werden ist grundsätzlich kein Problem, nur steigt mit dem Alter die statistische Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten und Komplikationen während der Schwangerschaft und bei der Geburt.

Wann ist die Fruchtbarkeit am höchsten?

Mit Anfang bis Mitte 20 sind Frauen besonders fruchtbar. Von da an sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft mit fortschreitendem Alter und Verbrauch der Eizellreserven langsam.

Ab wann spricht man von einer Risikoschwangerschaft? Und was bedeutet Risikoschwangerschaft?

Risikoschwangerschaft bedeutet, dass bei der Schwangerschaft Risikofaktoren vorliegen, die sich aus der Krankengeschichte der Mutter ergeben (zum Beispiel Erkrankungen wie Bluthochdruck oder eine vorherige Fehlgeburt) oder per Untersuchungsbefund festgestellt wurden (wie zum Beispiel Schwangerschaftsdiabetes oder eine Erkrankung des Fötus). All dies wird im Mutterpass vermerkt.

Bei Erstgebärenden unter 18 und über 35 Jahren ist auch das Alter ein Risikofaktor. Das bedeutet nicht, dass es im Laufe der Schwangerschaft oder während der Geburt in jedem Fall zu Komplikationen kommen wird, nur ist die statistische Wahrscheinlichkeit höher. Denn mit dem Alter der Mutter steigt das medizinische Risiko, ab 40 ist die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt erhöht und auch genetische Defekte kommen bei Kindern älterer Mütter häufiger vor. Daher wird auf dieses Risiko vorsorglich ein erhöhtes Augenmerk gelegt. 

Kann man mit 45 noch schwanger werden?

Das kommt auf die individuelle Eizellreserve der Frau an. In der Regel bereitet sich der Körper in diesem Alter auf die beginnende Wechseljahre vor und Zyklen ohne Eisprung werden häufiger. Damit ist eine Schwangerschaft mit 45 nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlicher als mit 25 – und mit Risiken verbunden. Sechs bis acht Prozent aller Schwangeren in Deutschland erkranken während der Schwangerschaft an Bluthochdruck, was schlimmstenfalls zu einer gefährlichen Schwangerschaftsvergiftung führen kann. In der Reproduktionsmedizin rücken solche Risiken mit steigendem Alter der Mutter in den Vordergrund.

Kann man mit der Pille die biologische Uhr verlangsamen?

Entgegen der häufigen Annahme verlangsamt die Einnahme hormoneller Verhütungsmittel, die den Eisprung verhindern, den Abbau der Eireserven nur unwesentlich. Ein gesunder Lebensstil mit wenig Stress und vor allem ohne Rauchen wirkt sich hingegen positiv auf die Fruchtbarkeit aus.

Mindert Rauchen die Fruchtbarkeit?

Studien belegen, dass Raucherinnen durchschnittlich weniger Eizellen haben und daher oft länger oder vergeblich auf eine Schwangerschaft warten. Verschiedene Inhaltsstoffe der Zigarette wirken sich negativ auf die Funktion der Eierstöcke und die Reifung der Eizellen aus. Auch die Erfolgschancen einer Kinderwunschbehandlung sind bei Raucherinnen deutlich niedriger. 

Hat eine Abtreibung Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit?

Solange der Abbruch nach gewissen Standards und ohne Komplikationen durchgeführt wurde, ist die Fruchtbarkeit nicht beeinträchtigt.

Welche Faktoren erschweren das Schwangerwerden?

Es gibt medizinische und seelische Ursachen sowie äußere Faktoren, die das Eintreten einer Schwangerschaft erschweren können. Neben dem Alter, hormonellen Störungen wie beispielsweise Schilddrüsenfehlfunktionen, Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien und Erkrankungen wie Endometriose kann auch der Lebensstil ein Grund für einen unerfüllten Kinderwunsch sein. Negative Einflussfaktoren sind Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Über- und Untergewicht sowie schwere körperliche oder seelische Belastungen zum Beispiel durch extreme sportliche Anstrengung oder ein dauerhaft erhöhtes Stresslevel.

Was passiert bei einer Kinderwunschbehandlung?

In der Reproduktionsmedizin wenden wir je nach Problematik unterschiedliche Verfahren an, um die Patientinnen bei ihrem Kinderwunsch zu unterstützen:

  • Hormonelle Stimulation in Form von Spritzen oder Tabletten kann eingesetzt werden, um einen Eisprung zu ermöglichen.
  • Liegt das Problem eher in der Anzahl oder Beweglichkeit der Spermien, können diese pe rInsemination in die Gebärmutter gespritzt werden.
  • Bei derIn-vitro-Fertilisation (IVF) werden die Eizellen außerhalb des Körpers mit den Spermien des Partners im Reagenzglas zusammengebracht um eine Befruchtung zu erreichen.
  • Klappt die Befruchtung auch dann nicht, können die Samenzellen mit einer Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) auch direkt in die Eizelle eingespritzt werden. 

Ab wann kommt eine Kinderwunschbehandlung in Frage?

Wer seit etwa einem Jahr erfolglos versucht schwanger zu werden, sollte sich in einer Kinderwunschklinik beraten lassen und den Ursachen mit einem Reproduktionsmediziner auf den Grund gehen. Frauen über 35 sollten ihre reproduktive Gesundheit nach sechs Monaten unerfülltem Kinderwunsch prüfen lassen. 

Wie läuft eine künstliche Befruchtung genau ab?

Eine häufige Methode der assistierten Befruchtung ist die intrauterine Insemination. Dabei werden die Spermien des Mannes per Katheter in die Gebärmutter eingebracht. Die Behandlung geht zumeist mit einer hormonellen Stimulation der Eierstöcke der Frau einher, um die Reifung der Eizellen zu fördern und die Samenübertragung gezielt am Tag des Eisprungs durchführen zu können.

Eine weitere Methode der künstlichen Befruchtung ist die In-vitro-Fertilisation. Dabei findet die Befruchtung der Eizellen außerhalb des Körpers im Labor statt. Dabei reifen durch eine Hormonbehandlung mehrere Eizellen heran, diese werden anschliessend transvaginal entnommen und im Labor mit dem Samen des Mannes oder eines Samenspenders befruchtet. Wenige Tage später werden ein bis zwei Embryonen über einen Katheter durch die Scheide in die Gebärmutter übertragen. 

Männer können Samen spenden, gibt es auch eine Eizellenspende?

Eizellenspende ist in Deutschland durch das Embryonen-Schutzgesetz von 1990 verboten. Damals hatte man die Befürchtung, dass eine gespaltene Mutterschaft eintreten könnte, wenn eine genetische Eizelle nicht bei der biologischen Mutter bleibt, und das daraus resultierende Kind später Identitätsprobleme haben könnte. Damals war die Eizellenspende ein sehr invasiver Eingriff mit starken Nebenwirkungen. Beim heutigen Stand der Technik ist der Eingriff noch immer nicht risikofrei, aber deutlich einfacher: Die Spenderin wird hormonell stimuliert, sodass mehrere Follikel heranreifen, die dann transvaginal unter Narkose entnommen und gespendet werden können. Diese Behandlung ist derzeit nur im Ausland möglich.

Lohnt es sich, Eizellen einfrieren zu lassen? Wenn ja, wann?

Für Frauen mit Krebsdiagnose ist eine Eizellentnahme häufig die einzige Möglichkeit, nach der Chemotherapie schwanger zu werden. Dabei werden Eizellen oder das Eierstockgewebe entnommen, bevor die Krebstherapie beginnt (Medical Freezing). Damit ist allerdings noch nicht garantiert, dass später auch die Befruchtung klappt. Der Eingriff und die Kryokonservierung sind mit relativ hohen Kosten verbunden, die ab Anfang nächsten Jahres erfreulicherweise von den Krankenkassen übernommen werden.

Wann ist der perfekte Zeitpunkt für ein Kind?

Den “perfekten Zeitpunkt” gibt es eigentlich nie. Dennoch gibt es bestimmte persönliche und medizinische Umstände, die dafür oder dagegen sprechen können. Bei diesen Überlegungen ist es in jedem Fall sinnvoll, sich rechtzeitig von einem Frauenarzt oder Reproduktionsmediziner beraten zu lassen.